Spannender als 1000 Tatorte

Veröffentlicht am 28.10.2011 in Presseecho

Bild: Kai Müller (Filder-Zeitung)

Artikel aus der "Filder-Zeitung", vom 27.10.2011

Von Kai Müller

Vaihingen Das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung (ZSW) in Vaihingen ist gefragt.

Eigentlich hatte die SPD Sillenbuch für ihren Besuch im ZSW zwei Stunden eingeplant. Doch die Diskussionsfreudigkeit war derart ausgeprägt, dass die Zeit nicht ausreichte.

Das ZSW ist derzeit gefragt wie nie. Als kürzlich der türkische Staatspräsident Abdullah Gül in Stuttgart war, gehörte auch ein Besuch der Einrichtung zum Programm. Der gute Ruf des Instituts reicht weit über Baden-Württemberg hinaus. Was die wenigsten wissen: Das ZSW macht auch klassische Politikberatung und koordiniert und leitet die Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien Statistik (AGEE-Stat). "Alle Daten zu erneuerbaren Energien gehen über unseren Tisch", erklärte Frank Musiol, Leiter der Abteilung Systemanalyse am ZSW. Er ist selbst überrascht, wie rasant sich das Thema erneuerbare Energie entwickelt hat: "Vor wenigen Jahren hatten wir einen solchen Weg noch nicht für möglich gehalten."

Weltweit führend ist die ZSW bei der Dünnschicht-Technologie (CIS). Die Stuttgarter Forscher halten den Weltrekord, was den Wirkungsgrad bei Dünnschicht-Solarzellen betrifft. Doch Wiltraud Wischmann, die den Besuchern die Abteilung Photovoltaik und CIS vorstellte, ging auf den Rekord nur am Rand ein. "Das ZSW sollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen", riet ihr daher ein Teilnehmer.

Damit die dünnen Solarzellen auch den Weg auf die Dächer finden, arbeitet die ZSW mit dem Solarmodulhersteller Würth-Solar und dem Solartechnikhersteller Manz zusammen. Facis (Fabrikationsnahes CIS) nennt sich eine Sparte . "Ziel ist es, die Kosten zu reduzieren, die Effizienz zu erhöhen und die Prozesse zu optimieren", erklärte Wischmann. Auch die Umweltverträglichkeit spielt eine Rolle: Der letzte Rest Cadmium soll aus der Zelle verschwinden und durch ein ungiftiges Material ersetzt werden. An flexiblen CIS-Modulen wird in den Labors ebenfalls geforscht. Einige Forscher experimentieren auch mit neuen Materialien für Solarzellen. "Idealerweise funktioniert die Herstellung dann ähnlich wie beim Zeitungsdruck", sagte Wischmann.

Die Experten der ZSW wissen aber auch: Eine gesicherte Versorgung mit erneuerbaren Energien kann nur gelingen, wenn genügend Speichermöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dafür müsse man die Gleichung aus Gas wird Strom herumdrehen, erklärte Michael Specht, der sich beim ZSW um die Themen regenerative Kraftstoffe, Wasserstoffherstellung und Brennstoffzellen-Hausenergieversorgung kümmert. Anders ausgedrückt: Auch wenn der Wind nicht weht, sollte trotzdem die Nachfrage gedeckt werden können.

Aus den Windstromüberschüssen kann per Elektrolyse Wasserstoff werden und durch die Zugabe von Kohlenstoffdioxid Methan, was wiederum der Hauptbestandteil von Erdgas ist.

Der Vorteil liegt für Specht auf der Hand. Pumpspeicherkraftwerke hätten derzeit eine Speicherkapazität von 0,04 Terawatt: "Das reicht, um das Stromnetz eine halbe Stunde zu betreiben." Das Gasnetz biete da mit seinen 220 Terawatt einen deutlich größeren Speicher: "Das würde für drei Monate reichen." Das notwendige Kohlenstoffdioxid entstehe in Biogasanlagen und könne dort entnommen werden.

Die erste Pilotanlage der Firma Solar Fuel ist am ZSW im Jahr 2009 in Betrieb genommen worden. "Die Technologie fand auch der türkische Staatspräsident sehr interessant", erklärte Specht. Extra für Gül wurde auch ein Erdgas-Audi mit erneuerbarem Methan an der Demonstrationsanlage betankt.

Gül hat bei seinem Besuch auch verlauten lassen, dass die Türkei fünf Milliarden Euro in erneuerbare Energien investieren will. Dass bei der Umwandlung in Methan Energie verloren geht, weiß natürlich auch der Experte Specht nur zu gut: "Der Wirkungsgrad spielt aber eher eine sekundäre Rolle." Schließlich sei es ein volkswirtschaftlicher Unsinn, "den Windstrom einfach wegzuschalten".

Das überzeugte auch die Besucher. Besonders begeistert war SPD-Altstadtrat Rainer Kußmaul: "Das war heute spannender als 1000 Tatort-Folgen."