SPD Sillenbuch Heumaden Riedenberg

 

Ortsverein Sillenbuch - Frauen-Emanzipation

Frauen-Emanzipation - bei uns nie ein Problem

Die Sozialdemokraten waren es, die 1918 mit der Einführung des Wahlrechts für Frauen die politische Gleichberechtigung einführten. In der SPD selber waren Frauen stets in führenden Positionen. Als Beispiele seien nur die damals in Sillenbuch lebende Clara Zetkin und an Rosa Luxemburg erinnert, die oft in Sillenbuch zu Besuch weilte. Und ins Parlament unseres Landes zogen seit 1945 von der SPD in Sillenbuch stets Frauen ein: die bekannte Schriftstellerin Anna Haag; später Lieselotte Bühler und Helga Solinger, welche bis heute in Sillenbuch wohnt.

Auch bei unseren örtlichen Organisationen tat sich in dieser Hinsicht schon sehr früh etwas. Stolz und erfreut verkündeten die Riedenberger SPDler bereits im März 1913 den Beitritt der ersten Frauen in die Partei; es waren dies Karoline Epple, Maria Benz und Pauline Kuraß.
Im Jahre 1977 war bei den Mitgliedern im Ortsverein Sillenbuch-Riedenberg fast ein Gleichstand erreicht: 61 Frauen und 68 Männer.

Zwei Sillenbucherinnen: Clara Zetkin und Anna Haag

Clara Zetkin – Sillenbuchs prominenteste Bürgerin machte unseren Ort weithin bekannt

Eine der schillerndsten Frauengestalten der Sozialdemokratie wie überhaupt ihrer Zeit war Clara Zetkin, die Kaiser Wilhelm II. „die gefährlichste Hexe in Deutschland“ nannte. Als Clara Eißner ist sie am 5. Juli 1857 als Tochter des Kirchschullehrers und Kantors Gottfried Eißner in dem kleinen Dorf Wiederau in Sachsen geboren, hatte aber volle drei Jahrzehnte lang ihren Wohnsitz in Stuttgart, davon die meiste Zeit in Sillenbuch.

Claras Weg von Sachsen nach Sillenbuch führte über mehrere Stationen. Mit 21 Jahren legte sie in Leipzig ein vorzügliches Abschlussexamen des Lehrerinnenseminars ab. In einem Kreis russischer Emigranten lernte sie ihren späteren Lebensgefährten Ossip Zetkin kennen, der sie mit der Arbeiterbewegung bekannt machte. Als Clara der Sozialdemokratie beitrat, gab es Probleme mit ihrer Familie. Dann, als Zetkin 1880 verhaftet worden war, emigrierten beide nach Paris, wo das junge Paar in bittrerer Armut lebte. Die Söhne Maxim und Kostja wurden geboren, doch schon 1889 starb Ossip Zetkin an Tuberkulose. Die junge Witwe vermochte sich mit Übersetzungen und Sprachunterricht kümmerlich durchzuschlagen.

Aus dieser Lage befreite sie der Verleger Heinrich Dietz in Stuttgart. Er übertrug ihr 1891 die Leitung der von ihm gegründeten sozialistischen Frauenzeitschrift „Gleichheit – Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“. Ein Vierteljahrhundert lang diente Clara Zetkin dieser Aufgabe, dann entzog ihr der sozialdemokratische Parteivorstand die Redaktionsleitung der Zeitschrift, in der die seit Kriegsbeginn 1914 die Politik der Partei bekämpfte.

In Stuttgart wohnte Clara Zetkin mit ihren beiden Söhnen zunächst in der Rotebühlstraße 147. Hausnachbar war Robert Bosch, mit dem bald ein reger Gedankenaustausch stattfand. Während eines Streiks lernte sie den 18 Jahre jüngeren Maler Friedrich Zundel kennen, der sich ebenfalls für den Sozialismus engagierte. An der Stuttgarter Kunstakademie hatte er alle Aussichten, eine Professur zu erhalten. Doch als er sich 1896 an besagtem Streik aus Solidarität mit den Studierenden beteiligte, war es mit dieser Hoffnung aus und zunächst auch mit den Aufträgen, die er über die Akademie vermittelt bekam. Der Meisterschüler wurde gefeuert und geriet in ernste Existenznot. Clara war es, die ihm mit Hilfe von Freunden und Bekannten Atelier und Wohnung und vor allem Aufträge besorgte. Drei Jahre später, im Jahre 1899, heirateten die 42-jährige Sozialistin und der 24jährige Maler und bezogen zunächst in der Stuttgarter Blumenstraße eine Wohnung.

Seit dem Jahre 1903 wohnte das Ehepaar Zundel in dem damals neu erbauten Landhaus in Sillenbuch, das fortan zu einem Treffpunkt internationaler sozialistischer Prominenz wurde. Wer ging in der Kirchheimer Straße 14 nicht alles ein und aus. August Bebel und Franz Mehring, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Friedrich Engels ehemaliger Privatsekretär Karl Kautzky und 1907 machte selbst Lenin in Sillenbuch Station. Clara Zetkins liebster Gast indes war Rosa Luxemburg, mit der sie eine langjährige Freundschaft verband. Im Landhaus in Sillenbuch arbeiteten die beiden zusammen, saßen im Garten oder unternahmen Ausflüge. Später, als Rosa Luxemburg im Gefängnis saß, schrieb sie sehnsüchtig an Clara von den Rosenstöcken im Garten des Sillenbucher Landhauses. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Freundeskreis auseinandergerissen, Rosa kam in Schutzhaft, Claras Söhne wurden eingezogen. Am schwersten für Clara war es jedoch, dass ihr Mann sich in dieser Zeit von ihr löste. Bereits 1914 stellte er sich dem deutschen Militär zur Verfügung – ein schwerer Schlag für die engagierte Kriegsgegnerin und ein Riss zwischen den beiden, der sich nicht mehr kitten ließ. Nach der Scheidung der Ehe Ende der Zwanziger Jahre heiratete Friedrich Zundel die um 14 Jahre jüngere Paula, Tochter des Unternehmers Robert Bosch.

Hatte Clara Zetkin in den häufigen Auseinandersetzungen über die politische Linie der SPD fast immer zur Spitze des sogenannten linken Flügels gehört, vollzog sich just zu der Zeit, als nach dem Ersten Weltkrieg die Demokratie in Deutschland verwirklicht wurde, bei ihr ein Gesinnungswandel. Der kam indes nicht von ungefähr. Erbittere Diskussionen über die Haltung der SPD bei Ausbruch des Krieges waren vorausgegangen. Die große Mehrheit bekannte sich zur Verteidigung des Vaterlandes und stimmte im Reichstag den Kriegskrediten zu; eine Minderheit verhielt sich ablehnend. Dieser Konflikt führte in Stuttgart zunächst zu einer organisatorischen Spaltung der Partei, die Clara Zetkin federführend vorangetrieben hat. Es vergingen noch fünf Jahre, bis sich aus der abgetrennten Minderheit die Kommunistische Partei nach russischem Vorbild herausschälte, als deren führendes Mitglied Clara Zetkin dann in den 20er Jahren im Reichstag tätig war.

Dies alles spielte sich nach ihrer Sillenbucher Zeit ab. Im Gedächtnis ihrer Sillenbucher Mitbürgerinnen und Mitbürger ist sie als tätige Sozialistin geblieben, die sich rührig um die Armen in dem Ort bemühte, stets mit Geld- und Sachspenden für sie zur Stelle.

Als sie 1933 in der Emigration in der Nähe von Moskau starb, hat dies in Sillenbuch wohl kaum jemand noch zur Kenntnis nehmen können, die inzwischen gleichgeschaltete NS-Presse brachte darüber natürlich keine Notiz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch wurde eine Straße in Sillenbuch nach ihr benannt.


Anna Haag – die bekannte Schriftstellerin und tatkräftige Politikerin

Sie war Politikerin und Frauenrechtlerin, Pazifistin und Schriftstellerin, die Sozialdemokratin Anna Haag. Ihre politische Zeit hat sie in Sillenbuch verbracht. In ihrem Haus in der Landschreiberstraße 19 lebte sie von 1939 bis Mitte der 50er Jahre, als sie nach Birkach verzog. Nachbarn erinnern sich noch heute mit Achtung an die kluge, warmherzige und ganz natürliche Frau, eine Politikerin zum Anfassen, welche die Not nicht nur beklagte, sondern selber die Ärmel hochkrempelte, um sie zu beiseitigen.

Anna Haag wurde vielfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, mit der Goldenen Verdienstmedaille von Baden-Württemberg und mit der Bürgermedaille der Stadt Stuttgart.

Dabei hatte die kleine Anna ihren Lebensweg alles andere als vielversprechend begonnen. Ein ganz zartes Kind war sie, als sie am 10. Juli 1888 in Althütte im Kreis Backnang als drittes von sechs Geschwistern zur Welt kam. Annas Eltern, der Lehrer Jakob Schaich und seine Frau Karoline, und die kinderreiche Familie lebten im Schulhaus in Althütte in bescheidenen Verhältnissen. Anna Schaich besuchte die Volksschule und wurde bis zum dreizehnten Lebensjahr von ihrem Vater unterrichtet; immerhin erhielt sie zusammen mit ihren Brüdern bei Pfarrer Französischunterricht. Eine angebotene Freistelle im damals königlichen Katharinenstift in Stuttgart kam für die Eltern nicht in Frage, weil die Tochter nicht als Bittstellerin in die Hauptstadt gehen sollte und sie es für besser hielten, dass sie in der Familie und im kleinen dörflichen Freundeskreis aufwuchs.

Mit 21 Jahren ehelichte sie Albert Haag, den kurz vor dem Examen stehenden Studenten, der später Mathematik und Physik unterrichtete. Nach der Heirat verließ das junge Paar die schwäbische Heimat. Es lebte in Schlesien und Pommern und zog 1912 nach Bukarest, wo Albert Haag an der deutschen Schule eine Anstellung erhalten hatte. Dort in Rumänien begann Anna Haag mit dem Schreiben, zunächst Berichte über Land und Leute für deutsche Zeitungen. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Württemberg zurück. Bis 1927 unterrichtete Albert Haag in Nürtingen, danach in Stuttgart. Anna schrieb weiterhin für Zeitungen. 1926 erschien ihr erster Roman „Die vier Rosenkinder“, worin sie ihre eigenen Kindheitserlebnisse erzählt.

Das Ehepaar Haag lebte politisch überaus bewusst. Beide waren nach der Weltkriegskatastrophe der SPD beigetreten. Anna Haag war außerdem Mitglied der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, die sie später, 1945, wiedergründete und deren Vorsitz sie übernahm.
Während der Nazi-Diktatur wurde sie mit Publikationsverbot belegt, und ihr Ehemann auf Grund pazifistischer Äußerungen strafversetzt. Dieses Verurteiltsein zum Schweigen wog für Anna Haag besonders schwer. Heimlich schrieb sie Kriegstagebuch, das ein erschütterndes Zeugnis ihrer inneren Emigration darstellt. Zugleich ist es der Schlüssel für die politische und soziale Gestalt Anna Haag nach 1945. Um Deutschland von den Nationalsozialisten zu befreien, bittet sie darin, „Gott sei der Menschheit gnädig und laß Deutschland den Krieg verlieren.“ Der Nationalsozialismus bedeutete für Anna Haag die Verneinung jeglicher Werte, für die man lebt. (Auszüge aus diesem Tagebuch sind zum ersten Mal veröffentlicht in dem Band „Sillenbuch und Riedenberg“, Verlag Hermann G. Abmayer Stuttgart, 1995.)

Der Zusammenbruch der NS-Diktatur und die Möglichkeit, ein soziales und freies Deutschland aufzubauen führten Anna Haag gleich nach 1945 in die praktische politische Arbeit, und dies im Alter von 58 Jahren. Sie trat erneut in die SPD ein, wofür der wichtigste Grund die Tatsache war, dass die Sozialdemokraten als einzige Partei 1933 dem Ermächtigungsgesetz nicht zugestimmt hatten. Anna Haag war sozusagen eine Frau der ersten Stunde. Als SPD-Abgeordnete gehörte sie der Verfassungsgebenden Landesversammlung und dem ersten Landtag von Württemberg an (1946 bis 1952). Unter den 32 SPD-Parlamentariern waren nur zwei Frauen. Im Landtag setzte sie sich unter anderem für die einstweilige Aussetzung des Paragraphen 218 ein. Wegen der materiellen Not dieser Jahre gab es überaus viele Abtreibungen. Anna Haag machte sich zur Sprecherin der bedrängten Frauen.

Doch auch außerhalb des Landesparlaments engagierte sich Anna Haag. Schon 1949 schuf sie die Arbeitsgemeinschaft „Stuttgarter Frauen helfen bauen“ und wirkte so beim Wiederaufbau der zerstörten Stadt mit. Dank ihrer Initiative wurde 1951 ein Mädchenwohnheim mit Jugendhaus in Bad Cannstatt erstellt, das ihren Namen trägt und heute noch erhalten ist. In jenen Nachkriegsjahren unternahm Anna Haag Vortragsreisen in die USA, um dort das Bild vom verfemten Deutschland abzubauen. Sie wirkte außerdem mit im Rat der europäischen Bewegung und war Mitbegründerin einer Reihe von Frauenverbänden. Deren Mitglieder rief sie zur politischen Mitarbeit und Mitverantwortung auf; denn zu der Zeit waren so gut wie alle politischen Gremien, alle entscheidenden Positionen in der Verwaltung von Männern besetzt.

Als Anna Haag 1982 starb, lag ein 94jähriges reiches Leben hinter ihr, das sie bis zuletzt und auch im Altersheim genossen hat, ganz gemäß dem Motto ihres letzten Buches, in dem sie ihr Leben beschreibt, sein Titel lautet: „Das Glück zu leben“.

hgm

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